26.10.13

Hashtags des Leidens


Auf Twitter gibt es immer mal wieder Hashtags, die dazu gedacht sind, die Verharmlosung von alltäglichen Diskriminierungen „sichtbar zu machen“.
Betroffene von diversen –ismen können ihre Erfahrungen teilen und tragen damit dazu bei, ihre Marginalisierung nicht mehr unter den Tisch fallen zu lassen. So der Plan.

Die Hashtags, die ich mitbekommen habe, waren #aufschrei, #schauhin, #nudelnmitketchup und #isjairre. Bei #aufschrei ging es um Sexismus bzw. sexistische Übergriffe, #schauhin thematisierte Alltagsrassismen, #nudelnmitketchup befasste sich mit Armut und #isjairre war für die Offenlegung von falschem Umgang mit psychischen Krankheiten gedacht.
Alle Tags enthielten mehr oder minder triggernden Content, der nicht immer so gekennzeichnet wurde – eins kann ja muten, wenn gewünscht.

Ich finde es grundsätzlich gut, einen Pool für all diese Erlebnisse zu schaffen, allerdings verfehlten alle genannten Hashtags ihren Zweck. Einzig #aufschrei wurde medial ziemlich gepusht, doch gebracht hat das außer Sichtbarkeit nichts.

Das Problem dabei ist, dass die Nutzer*innen der Hashtags in ihrer eigenen Timeline damit zumeist auf Verständnis treffen, für Außenstehende und Trolle allerdings eine Angriffsfläche bieten.
Da werden teilweise unglaublich intime Erfahrungen ungefiltert ins Netz gepustet und während von den eigenen Followern Support und Verständnis kommt, ziehen andere diese Berichte in den Dreck, belächeln es oder nutzen die Hashtags gar, um sich selbst von der Täter*innen- in die Opferrolle zu begeben.

#aufschrei: Hier fiel die Diffamierung von „außen“ wohl am massivsten aus. Boys fühlten sich auf die Füße getreten, sprachen von allgemeinem Männerhass und dass das sowieso alles konstruierter Unsinn sei. Dass sich jemand, der sich doch eigentlich nichts vorzuwerfen hat, davon so überrollt fühlt, spricht ja schon für sich.
Berichte von sexuellen Übergriffen, Street Harassment usw. wurden als inszeniert beschimpft und teilweise gab es Androhungen von Gewalt in jedweder Form. Victim Blaming à la „Zieh dir halt was anderes an“ waren ebenso an der Tagesordnung.
#aufschrei hat also eher dafür gesorgt, dass es für viele nochmal neue (verbale) Übergriffe gab, nachdem sie das Erlebte geschildert haben.

#schauhin: Betroffene von Alltagsrassismus bekamen Raum für ihre Erfahrungen und die Normalität von rassistischer Ausgrenzung sollte sichtbar gemacht werden.
Dieser Hashtag wurde in großem Umfang dafür benutzt, sich für das eigene Fehlverhalten zu rechtfertigen oder auch mal von der Täter*innen- in die Opferrolle zu schlüpfen („Mir passiert das ja auch.“).
Natürlich wurde auch hier behauptet, dass einige Erfahrungen ausgedacht wären und gesagt, dass sich Betroffene mal nicht so anstellen sollten. Einige selbst ernannte Antirassist*innen nutzten den Hashtag, um zu beweisen, wie intensiv sie reflektieren würden und prahlten damit, wie großzügig es wäre, anderen diesen Raum zur Verfügung zu stellen und sich dabei herauszuhalten.

#nudelnmitketchup: Hier gab es schon grundlegend Missverständnis darüber, wer jetzt überhaupt als arm angesehen wird oder eben nicht, also für wen der Hashtag eigentlich gedacht ist.
Personen, die umfassend finanziert werden – von wem auch immer – und eigentlich keinen Grund zur finanziellen Besorgnis haben, jammern plötzlich darüber, dass sie kurzzeitig auf irgendwas mal verzichten müssen.
Student*innen, die für wenige Jahre selbst gewählt (!) mit weniger Kohle als dem Gehalt eines Vollzeitjobs auskommen müssen, beschweren sich darüber, dass beim letzten Berghain-Besuch leider kein Koks, sondern nur Speed drin war. Leiden auf höchstem Niveau.
Armut ist gerade in linken Kreisen ein angesagtes Label, um zu zeigen, wie sehr eins unter den bestehenden Verhältnissen leidet. Bloß nicht zugeben, dass die vorhandene Kohle eigentlich vollkommen ausreicht.
Die wirklich Betroffenen wurden damit wieder in den Hintergrund gequetscht, der ganze Hashtag wirkte irgendwie albern.
Zu allem Überfluss spielten sich einige noch als Finanzberater*innen auf und gaben Tipps, wo Betroffene denn noch sparen könnten. Lass doch das Rauchen, kauf doch die billigere Version von Produkt XY, spar dir doch diese und jene Unternehmung. Betroffene werden damit in die Ecke gedrängt, die sie im Alltag sowieso schon ertragen müssen: Verzichte doch einfach noch ein bisschen mehr, dann geht das schon.

#isjairre: Diesen Hashtag finde ich allein von der Begriffsfindung her schon vollkommen daneben. Die Diffamierung von psychisch Erkrankten soll offengelegt werden, während gleichermaßen „irre“ zur Beschreibung benutzt wird. Die Reproduktion dieser falschen Einschätzung, nämlich dass eine psychische Krankheit irre/verrückt sei, zieht die Erfahrungen ins Lächerliche.
Die Berichte, die unter #isjairre veröffentlicht wurden, übertrafen die anderen Hashtags aus Triggersicht nochmal. Teilweise hatte ich das Gefühl, es ginge darum zu beweisen, dass eins mehr leidet als alle anderen. Psychische Instabilität als Label. No thx.
Zudem fand eine (Selbst-)Pathologisierung statt, die von der peer group zumeist noch gefördert wurde. Statt sich konstruktiv damit auseinanderzusetzen, lief es auf ein „Ach je, der*die Arme“ hinaus. Das war’s, darauf wird sich ausgeruht, kann man halt nix machen.
Andererseits wurde wieder eine riesige Angriffsfläche geschaffen, indem intime Befindlichkeiten und Probleme ungefiltert zur Verfügung gestellt wurden. Auch hier: Belächeln, stell dich nicht so an, so schlimm ist das nicht.

All das zeigt, dass die Sichtbarmachung Betroffenen vielleicht kurzzeitig helfen mag, vor allem wenn das Feedback mitfühlend und supportend ausfällt, insgesamt aber eine große Ansammlung von Triggern und Angriffsflächen ist, die sich da zwischen Wortspielen, Youtube-Links und süßen Katzen-gifs rumtreibt.
Selbst wenn eins sich dazu entschließt, gewisse Hashtags zu muten: Erstmal werden die Tweets angezeigt. Ungefragt bekommt eins Erfahrungen vor die Füße geknallt, deal with it.

Hier einen Konsens zu finden, wird schwer. Einerseits mag ich Leuten den Raum, den sie für ihre Erlebnisse brauchen, nicht absprechen. Andererseits gestehe ich mir Selbstschutz zu und möchte auch nicht, dass andere für mich sprechen, egal worum es geht.

Es wird ganz viel sichtbar gemacht. Und sonst? Dinge werden veröffentlicht und zur Kenntnis genommen, aber das ändert an dem herrschenden Zustand nichts. Da wird Entsetzen und Empörung geschaffen, aber weiter geht es leider nicht, da die Ursachen nicht erklärt sind.
Durch die Veröffentlichung auf Twitter erreichen diese Erfahrungen erstmal viele Menschen, aber mit dem Feedback, das da so zurückkommt, können sicher die wenigsten umgehen. Ich will das Feedback damit nicht relativieren, aber es ist nun mal schwer abzuwenden und leider auch vorhersehbar.
Etwas sichtbar zu machen heißt auch, sich verletzlich und angreifbar zu machen. Die peer group hat Verständnis und fühlt mit, aber das hat sie vorher auch schon getan, dafür bedarf es dieser Offenlegung in der Regel gar nicht.


Nachtrag: Auf Twitter habe ich darum gebeten, dass jemand mal über den Text lesen möge, bevor ich ihn veröffentliche. Dabei habe ich alle vier Hashtags verwendet und eine Antwort war: „Gibt’s da auch Boobies?“. Selbst ohne mich aktiv zu beteiligen darf ich mir sexistisches Feedback anhören. Oh the irony. <3


Nachtrag 17. Januar 2016: Ich bin mit diesem Post mittlerweile nicht mehr zufrieden, weil ich es nicht hingekriegt habe, wirklich das auszudrücken, was ich sagen wollte. Da mir das Thema aber zu wichtig war, um es einfach zu löschen, habe ich mich für einen Nachtrag entschieden.
Es ist nicht deutlich geworden, dass ich dafür bin, immer und überall anzusprechen, was einer*n stört, was mieses Verhalten ist, was nervt, was zwischenmenschlich irgendwie nicht funktioniert. Es erweckt den Eindruck, als würden alle oben genannten Dinge mich nicht betreffen, weil ich an der Umsetzung Zweifel habe. Es sieht so aus, als wäre ich Team Arschloch und würde Betroffenen die Schuld an Scheiße X geben. Ich habe diesen Post geschrieben, weil 3 der oben aufgezählten Punkte eben auch genau mich betreffen, nicht weil ich aus angeblich privilegierter Position gemütlich von außen beobachte.
Ein Gedanke fehlte ganz wesentlich: Nämlich, dass die meisten Leute wissen, was sie tun…

Kommentare:

  1. Bis auf Aufschrei fand ich die Hashtags alle recht sinnvoll, allerdings nur dann, wenn sie mit einer konkreten Forderung verknüpft gewesen wären. Also eine Petition oder ähnliches. Z.B. für mehr Kassensitze oder die Abschaffung der Kassensitzpflict für Psychotherapeuten und damit mehr Behandlungsplätze. Irgendwas wo man die ganze Aufmerksamkeit hätte hinlenken und in was produktives verwandeln können.
    So trat der Effekt ein, den ich grundsätzlich kritisch sehe: anfangs sind es zum hashtag passende betroffenengeschichten, dann kommen streitereien, getrolle und irgendwie werden auf einmal auch dinge gepostet, die einfach so gar nicht passen, aber unkommentiert stehengelassen werden.

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    1. Sie waren alle vier mit keiner konkreten Forderung verknüpft, von daher verstehe ich leider nicht, warum du die anderen drei sinnvoller findest?
      Zumal #aufschrei die größte Aufmerksamkeit bekommen hat und daher am ehesten deinem Anspruch entgegenkommt.
      Medial wurde das Ding ja ziemlich zerpflückt, aber wie ich oben schon schrieb: Es wird Sexismus sichtbar gemacht, aber da hört es auf. Das Warum ist halt nicht erklärt.
      Da passiert irgendwas und eins sagt: „Boah krass, voll sexistisch/rassistisch/…“ und das bekämpft die Ursache aber leider nicht. Twitter lässt mit seinen 140 Zeichen aber leider auch nicht viel Platz für Ursachenklärung.

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  2. Ich kann die Frustration verstehen die du über die Hashtags empfindest. So, das war mein Einleitungssatz. Den Rest find ich ... ärgerlich?

    Ich schreib hier, weil alle Themen dieser Hashtags mich in der einen und anderen Weise betreffen, weil mich all diese Themen angehen. Was ich nicht verstehe ist: Wie stellst du dir vor, werden herrschende Verhältnisse geändert, wenn 1 zuvor nicht darauf aufmerksam macht? Und: Wie kann es nicht messy werden, wenn es darum geht, Dinge zu ändern?

    Ich hab das Gefühl hier zeigt sich so ne Ungeduld darüber, dass nicht sofort die Revolution ausbricht, sobald Menschen es wagen einfach erstmal nur ihre eigenen Situationen anzusprechen. Für mich stellt sich die Frage inwieweit du die herrschenden Verhältnisse hier in ihrer Tragweite einfach massiv unterschätzt, inwieweit sie nicht nur unser alltägliches Leben beherrschen, sondern unser Sein durchziehen.

    Was du zu der Verletzlichkeit sagst, die diese Öffentlichkeit bereitet: Keine Frage, in der Hinsicht stimm ich dir zu. Ich persönlich musste immer diese Verletzlichkeit eingehen, weil ich ansonsten nie die Verhältnisse hätte thematisieren können. Für mich war die Öffentlichkeit auch immer eine Art Schutz vor all den Assholes, die im Verdeckten angreifen. Aber ich weiß dass das nicht ideal ist; weiß aber auch nicht inwieweit es geschützte Formen der Auseinandersetzung gäbe.

    Sobald eine strukturelle Gewalt benannt ist, wird natürlich auch erstmal geklärt werden müssen wer stärker unter ihr leidet und wer weniger stark. Wir müssen im deutschsprachigen Raum immer von einer relativen Armut ausgehen; ich gehe weiter und sage dass wir bei Weißdeutschen hierzulande immer von einer relativen Armut ausgehen müssen. Wo fängt für dich die Grenze des »wirklich« arm an? Wer »darf reden«? Ich habe in meinem Leben nur *einmal* »wirklich« gehungert; das waren *nur* zwei, drei Monate meines Lebens. Dennoch ist wenig etwas so sehr an meine Grenzen gegangen wie dieses Erlebnis. Darf ich jetzt in die Kategorie »wirklich arm«? Muss ich jetzt überlegen ob das zu wenig war? Eben das passiert wenn wir anfangen, enge Definitionsgrenzen zu setzen: Es bringt auch Leute zum Schweigen, die eh schon daran gewöhnt sind, dass ihre Situation nicht so wichtig ist. Dann hab ich lieber ein paar verwöhnte Studis(tm) mit drin, die das erste Mal mit leerem Konto vor Monatsende konfrontiert sind und damit nicht umgehen können.

    Und mir ist es wichtig, dass keine Annahmen darüber getroffen werden, wie wohlhabend oder nicht jemand wirklich ist - viele die scheiße dran sind, können relatives Wohlsein performen und ich bin innerhalb einer solchen Wirtschaftskrise lieber gewillt zu glauben dass Armut in unserer Generation wirklich stärker wird als dass alle heimlich Chefärzte als Eltern haben.

    Ein letzter Punkt: Armut macht nicht rebellisch. Ohne Organisation macht Armut gefügig. Ich habe das nach meiner Hungerphase erlebt; dass ich plötzlich derart reduziert wurde in dem was ich von dieser Welt erwartete, dass selbst meine Depression verschwand und ich dankbar war wenn die Leute die mich zuvor schlecht behandelten und größtenteils mitverantwortlich waren für meine Depression, mich jetzt einluden zum Essen. Die FDP würde das wohl »Perspektivwechsel« nennen.

    Ich denke der kritische Punkt kommt immer dort, wo Menschen anfangen miteinander über ihre schlimmen Situationen zu reden. Ich denke der relative Erfolg von zB Arbeiter*innenstreiks in den 70ern war die Art wie die Fabriken damals konstruiert waren: Arbeiter*innen konnten viel miteinander reden und leichter mal »in Grüppchen« herumstehen. Nach diesen Streiks wurden Unternehmen umstrukturiert; es gab seitdem überschaubare »Teams« und mehr Hierarchie (Post-Fordismus). Das nur als Beispiel dafür, wieviel Angst die Herrschenden davor haben, dass wir einander finden.

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    1. "Wie stellst du dir vor, werden herrschende Verhältnisse geändert, wenn 1 zuvor nicht darauf aufmerksam macht?"

      hallo bäumchen,

      ich halte es für einen irrtum zu meinen, sexisten, rassist*innen. heterosexist*innen, leute, die psychisch angeschlagenen das leben schwer machen, wüssten nicht, was sie tun. das gegenteil ist doch der fall: die machen das, was sie machen, weil sie es machen wollen.
      wenn das stimmt, dann ist aber auch klar, dass man sie nicht auf das, was sie machen, aufmerksam machen muss. stattdessen muss man sie kritisieren.

      zur armut: sowohl die absolute als auch die "relative" armut haben denselben grund. das ist eine behauptung. die argumente kannst du prüfen: wenn du von den möglichkeiten zur reproduktion befreit bist (= arm sein), dann hast du dich anderen anzudienen - du kannst nur überleben (von tag zu tag, monat zu monat), wenn du andere reicher machst. und es sind diese, ob du das sein darfst oder jemand anders. weil du arm bist, bist du benutz- und ausbeutbar.
      das gerede von der "relativen" armut will von dieser objektiven bestimmung nix wissen, ist ideologie.
      aufpassen: ich sage damit nicht, dass es vielen menschen zB in afrikanischen staaten, asien oder latein- und südamerika nicht schlechter ginge als prolet*innen hier. ich sage nur: hier wie da liegt es daran, dass die menschen durch die privateigentumsordnungen vom zugriff auf das, was sie benötigen, um kollektiv füreinander zu sorgen, ausgeschlossen sind. und das ist so gewollt. (man kann sich also sparen, einen hashtag zu erfinden, um dies politikern und ähnlichen fragwürdigen mitzuteilen.)

      das, was ich ^ schreibe, kann jede*r prüfen. wer nicht zustimmt, hat gegenargumente zu bringen.

      "Ein letzter Punkt: Armut macht nicht rebellisch. "

      da hast du vollkommen recht. rest die richtige erklärung der verhältnisse ergibt das. nur: dafür brauchts argumente. man muss leuten zB erklären können, warum nicht "die fremden" (eingebildet oder echt) an ihrer lage schuld sind. ich kann das. jetzt aber ne steile these: ich behaupte, die meisten antiras könnens nicht.

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  3. Mal ne kurze Zwischenfrage gibt es auch Quellen/Fakten zu deinen Theorien/Unterstellungen?

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    1. Ja. Twitter auf, gewünschten Hashtag suchen, lesen.

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    2. Danke fürs Freischalten.
      "und teilweise gab es Androhungen von Gewalt in jedweder Form. " <-- dafür hätte ich gerne ein beweis

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    3. Warum brauchst du ausgerechnet dafür einen Beweis, nicht für die anderen Dinge?

      Ich bin nicht bereit dazu, mich dem ganzen triggernden Kram (nochmal) auszusetzen und kann meinen vorherigen Kommentar nur wiederholen.

      Such selbst, es geht fix.

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  4. Letztlich ist die hauptsächliche Frage, die du in diesem Blogpost formulierst "Was bringt das überhaupt?". Schon das halte ich für unschön, weil solche Fragen immer der formulierte Zweifel an den Aktionen Marginalisierter sind. Ich finde es vollkommen in Ordnung den Sinn bestimmter Aktionen in Frage zu stellen, so lange es sich dabei um eigene Aktionen handelt. Also: Wenn du meinst, dass _deine_ Handlungen nicht sinnvoll sind, da sie nicht zum Erreichen ihres Ziels führen, ist das meiner Meinung nach okay. Nicht in Ordnung und auch nicht zielführend ist es dagegen, Aktionen anderer durch Absprechen ihres Erfolgs abzuwerten. Ich glaube, dass Erfolge für den*die einzelne*n, aber auch für ganze Gruppen, mit solchen Hashtags schon durch das Teilen von Erfahrungen erzielt werden. Wenn es dir nichts gebracht hat, ist das ja ok, blöd ist es, diesen Erfolg anderen abzusprechen.

    Dem, was du zu Verletzlichkeit, die durch das Teilen von solchen Erlebnissen sagst, stimme ich zu. Ein Grund, weshalb ich selbst die Hashtags kaum genutzt habe. Allerdings ist es die Entscheidung der Personen, die ihre Erlebnisse und Empfindungen auf Twitter (oder sonstwo) teilen, ob sie sich angreif- und verletzbar machen. Und wenn sie das tun, ist das ok, dass sie verletzt und angegriffen werden wird dadurch nicht gerechtfertigt.

    Dass auffällig viele eindeutig triggernde Posts im Verlauf der Hashtags nicht mit Triggerwarnungen gekennzeichnet wurden, ist mir auch aufgefallen. Blöd, ja.

    So long,
    Lia

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    1. Ich habe keinen generellen Zweifel an Aktionen Marginalisierter, sondern explizit an diesen. Warum ich nur meine eigenen Aktionen kritisieren darf, verstehe ich nicht.
      Indem ich die Kritk übe, nehme ich diesen Raum ja niemandem weg. Ich kann doch aber dennoch sagen, dass ich darin eine falsche Erwartungshaltung oder keinen Erfolg sehe.
      Wenn jede*r nur ihre*seine eigenen Aktionen kritiseren „darf“, würde gar nichts kritisert werden.

      Die Entscheidung, sich angreifbar zu machen oder eben nicht, spreche ich ebenso niemandem ab. Ich hab doch keine Macht über den Willen anderer Leute, aber ich kann doch trotzdem sagen, dass ich ausgerechnet Twitter für fragwürdig halte, was die Aufgabe des eigenen Schutzpanzers angeht.

      Und ja, es ist ok, wenn Menschen sich verletzbar machen. Ich sage nicht, dass es das nicht ist. Wobei für mich auch hier gilt: Ab einem bestimmten Punkt betrifft diese ungefilterte Preisgabe dann auch mich, nämlich dann wenn’s triggernd wird. Und das ist dann nicht mehr nur „blöd“, sondern genauso grenzüberschreitend wie die (verbalen) Angriffe auf die Betroffenen, von denen ich sprach.

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  5. der widerspruch, den sich diese aktionen leisten:

    1. ist die behauptung, man sei gesellschaftlich "marginalisiert" (ich halte den begriff nicht immer für tauglich).

    2. richtet man sich an ebendiese gesellschaft, die einen "marginalisiert", tut kund, was diese gesellschaft einem für schäden bereitet - und erwartet sich von der gesellschaft, die einen jeden tag schädigt, dass sie ganz entsetzt und empört ist angesichts der schädigungen.

    das schafft man nur, wenn man davon absieht, was für zwecke in dieser gesellschaft unterwegs sind. insofern sind derlei aktionen verharmlosend, weil sie unterstellen, es läge nur ein kommunikationsproblem vor.

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